Die 5 Megatrends der Energiewende

Veröffentlicht am 4. März 2016 von Christian Esch

Die 5 Megatrends der Energiewende

Anfang Juni 2015 fanden sich im bayerischen Schloss Elmau die G7-Staats- und Regierungschef zusammen um sich über den Aussieg aus der Kohlenstoffwirtschaft zu besprechen. Das Ergebnis war in dieser Form nicht erwartet worden:

Im Laufe dieses Jahrhunderts soll vollständig auf Braun- und Steinkohle, sowie Öl und Erdgas verzichtet werden.

Jene Energiewende ist in den vergangenen Jahren wie ein Schneeball geworden, der immer größer wird. Was ursprünglich seinen Anfang in Deutschland nahm ist mittlerweile zu einer globalen Kraft geworden. Erneuerbare Energien wachsen derzeit weltweit schneller, als selbst die kühnsten Optimisten vor einigen Jahren prognostizierten.

In einer Studie des führenden Öko-Energieanbieters LichtBlick und der Naturschutzorganisation WWF schauten die Forscher über den Tellerrand hinaus, welche 5 Megatrends sich in den kommenden Jahren abzeichnen:

1) Die Ära der fossilen Energieträger neigt sich dem Ende zu

Bereits vor 15 Jahren prophezeite der saudi-arabische Ölminister Sheikh Yamani, dass es in 30 Jahren zwar noch gewaltige Menge an Ölreserven geben wird, jedoch niemand diese noch kaufen und verbrennen mag. Die Frage, ob es so schnell gehen mag, ist zwar zu bezweifeln, dass wir jedoch auf dem besten Weg dorthin sind, dafür gibt es zahlreiche Indikatoren.

So wurden alleine in den USA innerhalb der letzten 3 Jahre fast 200 Kohlkraftwerke abgeschaltet oder deren Stilllegung bis 2023 beschlossen. Selbst China, dass seit der Jahrtausendwende weltweit für über 80 Prozent der gestiegenen Kohleverbrennung verantwortlich war, hatte im Jahr 2014 die niedrigste Auslastung seiner Kohlekraftwerke seit über drei Jahrzehnten zu verzeichen.2,3

Das Öl wird in der Erde bleiben. Die Steinzeit endete nicht, weil wir einen Mangel an Steinen hatten, und das Ölzeitalter wird nicht enden, weil es einen Mangel an Öl gibt.“1
(Sheikh Yamani, ehemaliger Ölminister von Saudi-Arabien)

Zusätzlich interpretieren immer mehr Analysten weltweit tätiger Banken sowie Spitzenvertreter der globalen Finanzmärkte, dass der im Jahr 2014 angefangene horrende Einbruch des Ölpreises das Ende des fossilen Zeitalters einläutete.

So hat neben vielen anderen staatlichen Anlegern, sogar die Rockefeller-Stiftung ihre Gelder aus Unternehmen abgezogen, die Kohle fördern, Öl verkaufen oder Gas verfrachten und investieren stattdessen in klimaschonende Unternehmen.4

2) Die Energiezukunft ist bereits in vollem Gange

Wind- und Photovoltaik-Energie haben sich innerhalb weniger Jahre zu den Schlüsselenergien des  21. Jahrhunderts entwickelt. Erstmals wurden im Jahr 2013 mehr Eneuerbare-Energien-Anlagen errichtet als Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke zusammen. 77 Staaten haben weltweit zentrale Elemente der deutschen Regelung übernommen und gewähren Einspeisevergütungen.

Alleine zwischen 2004 und 2014 hat sich die Anzahl der aus der Photovoltaik gewonnen Stromerzeugung verfünfzigfacht.5 Von diesen Zugewinnen sind alleine mehr als 60 Prozent in den Jahren 2012 und 2014 erfolgt. Im Bereich der Windenergie hat sich die Leistung zwischen 2004 und 2014 verachtfacht.

Abbildung 1:
Vergleich Erneuerbare Energien vs. Atom von 2000 - 2014

So zählt die Windkraft mittlerweile neben der Wasserkraft zu der bedeutendsten Stromequelle. Alleine in China kam die Windkraft im Jahr 2014 auf die Leistung von etwa 20 Atomreaktoren. Selbst in Schwellenländer wie Brasilien, Indien oder Südafrika erlebt die Windkraft einen nie dagewesenen Boom, so dass die Windenergieleistung im ersten Halbjahr 2015 erstmals die der Kernenergie übertraf.6

In der Abbildung 1 sehen wir, dass auch Wasserkraftwerke einen Aufschwung erleben. Diese sind zwar ebenso wie Wind und Photovoltaik CO2-arm, jedoch stets mit großen Problemen wie Massenumsiedlungen entlang von Stauseen und schwerwiegenden Eingriffen in die Ökologie verbunden.

3) Die Zukunft der Energie ist erneuerbar

Der mittlerweile eingekehrte Siegeszug der Erneuerbaren Energien ist vor allem darauf zurück zu führen, dass die Kosten hierfür in erheblichem Umfang reduziert werden konnten. So brachen beispielsweise in Deutschland die Kosten für Solarstrom seit 2005 um 80 Prozent ein.

Wirtschafts- und Finanzexperten gehen in ihren Analysen davon aus, dass Photovoltaik in immer mehr Regionen unserer Welt zur kostengünstigsten Technologie für die Stromerzeugung werden wird und ihren Siegeszug auch in die Bereiche Mobilität und Wärme ausbauen wird.

Lagen die durchschnittlichen Kosten pro Kilowatt zur Errichtung einer Kleinanlagen 2005 noch bei 5.100 Euro, so lagen Sie 2014 nur noch bei 1658 Euro. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, so dass mittlerweile viele Konsortien fest davon ausgehen, dass bis 2025 die Kilowattstunde Solarstrom nur noch zwischen 4 und 6 Cent je kWh kosten wird.

Abbildung 2
Die Preisentwicklung von Photovoltaik-Anlagen

Photovoltaik ist damit auf dem besten Weg die kostengünstigste Technologie der Stromerzeugung zu werden. So veröffentlichte 2014 mit der New Yorker Citigroup eine der renommiertesten Banken der Welt einen Bericht, in dem sie der Photovoltaik den Durchbruch prophezeit. Ursache hierfür sind die weiter sinkenden Stromerzeugungskosten, stetig bessere Technologien sowie die günstigen Finanzierungsbedingungen.7

Selbst die Deutsche Bank geht davon aus, dass sich der Preis für Solardachanlagen innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre um weitere 40 Prozent reduzieren wird.8 Ähnlich verhält es sich bei der Windenergie: So hat sich die Leistung einer Windenergieanlage innerhalb von 20 Jahren versiebenfacht. Anders formuliert: Jahr für Jahr erzeugen neu errichtete Windenergieanlagen immer mehr Megawattstunden Strom.


4) Die Zukunft der Energie ist dezentral

Statt weniger großer Kraftwerke erzeugen zukünftig Millionen kleine Anlagen Energie. Dabei sind Viele der Marktteilnehmer sowohl Stromproduzenten als auch Stromkonsumenten. Gerade für Menschen, die in Entwicklungsländern leben, bietet dies eine Perspektive. Strom gilt nicht umsonst als das zentrale „Lebensmittel“ zur Bekämpfung der Armut.

Durch die damit verbundene Möglichkeit mit dem Zugang zur Bildung, zum Aufbau eines Gesundheitssystems sowie der Entwicklung von Gewerbe, Handel und Industrie kann es den noch ca. 1,5 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zur Stromversorgung haben, den Weg zu höherem Wohlstand ebnen.

Abbildung 3:

Entwicklung der weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien

Denn gerade in den armen Ländern stehen die natürlichen Ressourcen in großem Ausmaß zur Verfügung. Ihre damit verbundene dezentrale Allgegenwärtigkeit braucht daher nicht auf den Ausbau einer großflächen Netzinfrastruktur zu warten.

Die Vision, die damit einher geht, wird vielfach auch als „Leap-Frogging“ bezeichnet und soll damit jenen Nationen ermöglichen, jene Technologien, die nicht nachhaltig sind zu überspringen.9

5) Die Zukunft der Energie ist digital

Die größte Herausforderung bei der Errichtung des neuen Energiesystems besteht darin, die Energie zu jeder Zeit verfügbar zu machen. Die Frage, was gemacht werden kann, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, galt lange als Achillesferse der Energiewende.

Mittlerweile hat sich diese Frage geklärt, da zum einen eine verbesserte Marktsteuerung sowie der Um- und Ausbau der Stromnetze Entlastung bringen. Das System braucht dadurch weniger Speicher. Zum anderen prophezeien Experten Batteriespeichern eine ähnlich günstige Kostenentwicklung, wie jene bereits bei den Photovoltaikanlagen eingetreten ist.

Die Zukunft der Energiewelt wird daher flexibel, vernetzt und effizient sein. Je schneller es gelingen wird, die Grenzen zwischen den Energiesektoren Strom, Wärme und Mobilität aufzubrechen, umso schneller wird sich dies auch in jenen anderen Sektoren durchsetzen.

So sieht die neue Energiewelt aus
Die Zukunft wird so aussehen, dass die allermeisten Haushalte eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, eine Lithium-Batterie im Keller und ein Elektroauto im Hof haben werden. Auf dem Dach wird der Strom erzeugt, mit dem das Elektroauto und die Haushaltsbatterie aufgeladen wird, um damit Wärmepumpen zu betreiben oder Häuser effizient und klimaneutral zu heizen.

Selbst die schweizerische Großbank UBS sieht jene Kombination als disruptive Technologie, die schon bald sowohl den Energiemarkt als auch den Automobilmarkt kräft aufmischen wird. Die Bank ist ebenfalls überzeugt, dass die Batterietechnik sehr schnell ähnliche Preisstürze erleben wird, wie die Photovoltaik-Technik.

Welchen Einfluss haben „die Mächtigen der alten Interessen“?

Bleibt lediglich abzuwarten, wie beharrlich „die Mächtigen der alten Interessen“ es schaffen Ihre Macht und Einflussnahme einzusetzen, um den endgültigen Durchbruch des neuen Energiesystems, dass das Potenzial hat, die Welt ein Stück weit friedlicher und gerechter zu machen, zu verzögern.10

Einzelnachweis und weiterführende Informationen:

1. vgl. Fagan, Mary: Sheikh Yamani predcits price crash as age of oil ends; The Telegraph-Interview vom 25.06.2000 unter http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1344832/Sheikh-Yamani-predicts-price-crash-as-age-of-oil-ends.html
2. vgl. Shearer, Christine; Ghio, Nicole; Myllyvirta, Lauri and Nace, Ted: „Boom and Bust – Tracking the Global Coal Plant Pipeline“, Coalswarm/Sierra Club, März 2015 unter https://www.sierraclub.org/sites/www.sierraclub.org/files/uploads-wysiwig/Coal_Tracker_report_final_3-9-15.pdf
3. vgl. Guay, Justin (Sierra Club): „Chinaʼs Coal Consumption Has Finally Decreased“, CleanTechnica, 2014; unter http://cleantechnica.com/2014/08/26/chinas-coal-consumption-finally-decreased
4. vgl. Rockefeller Brothers Trust, Pressemitteilung vom 22.09.2014: Fund Announces Plans to Divest from Fossil Fuels unter http://www.rbf.org/news/fund-announces-plans-divest-fossil-fuels
5. vgl. European Photovoltaic Industry Association, Global Market Outlook 2014–2018; Prognose für 2014 gemäß ZSW et. al., Vorbereitung und Begleitung der Erstellung des Erfahrungsberichts 2014 – Vorhaben IIc Solare Strahlungsenergie (Stand: 04/2014); https://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/XYZ/zwischenbericht-vorhaben-2c,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf
6. vgl. GWEC: Global Wind Energy Statistics 2014, Brüssel, 10.02.2015; unter http://www.gwec.net/wp-content/uploads/2015/02/GWEC_GlobalWindStats2014_FINAL_10.2.2015.pdf
7. vgl. Citi Commodities Research, Energy 2020: The Revolution Will Not Be Televised As Disruptors Multiply, New York 2014; https://ir.citi.com/ceUKTj9wAJSPHBmpGoRGfQYz1rZm8CKVCFO7wPNIGAzn7%2feoGJhCRKXBw2LnpF%2bmPt5wCNmiHIw%3d
8. vgl. Deutsche Bank report: Solar grid parity in a low oil price era; https://www.db.com/cr/en/concrete-deutsche-bank-report-solar-grid-parity-in-a-low-oil-price-era.htm
9. vgl. Rosenkranz, Gerd: Megatrends der globalen Energiewende; WWF Deutschland und LichtBlick SE, Oktober 2015
10. vgl. ebenda

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Titelbild: Christos Georghiou // shutterstock.com


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